Freitag, 17. Oktober 2014

Wieso wir zu lügen gezwungen sind

"Einen Tag lang mal nur die Wahrheit sagen", wie oft habe ich mir das schon vorgenommen. Wie schwer kann das schon sein, denke ich mir dann, immerhin ist die Wahrheit doch etwas Befreiendes, oder? Eigentlich sollte es mir nach einem 24 stündigen Wahrheitsschwur doch viel besser gehen. Denkt man! Fakt ist nämlich, heutzutage ist es gar nicht möglich, immer die Wahrheit zu sagen.

Das fängt doch schon morgens an, wenn man in die Schule oder das Büro kommt, nach einer halbherzigen Begrüßung (oder auch nicht) kommt irgendwann eine Frage wie "Wie geht´s dir?" Und dann? Wenn ich jetzt sage "Gut", ist das nicht gelogen? Wer definiert denn überhaupt was "gut" heißt? Viel eher müsste man genauer werden und sagen "Mir geht´s heute schlecht/nicht gut" oder "Fantastisch geht es mir heute, danke der Nachfrage!". Diese Antworten sind ehrlich, bergen allerdings auch Gefahren der Nachfragen. "Wieso geht es dir denn nicht gut?", "Was ist denn los?", "Wieso bist du denn so gut drauf?". Fragen, auf die man wieder ehrlich antworten muss, auch wenn es sein Gegenüber ÜBERHAUPT NICHTS angeht! Und was ist, wenn man selbst gerade nicht weiß, wie es einem geht? Wenn man weder übermäßig glücklich, noch traurig ist und damit auch kein Problem hat, weil man sich noch keine Gedanken darüber gemacht hat? Was soll man dann sagen? "Mir geht es neutral (?)", "Ich habe darüber noch gar nicht nachgedacht... Einen Moment bitte." Sowas will doch niemand hören! Fakt ist, wer solche Fragen stellt, der will angelogen werden. Alles was solche Menschen hören wollen ist ein beiläufiges "gut" ohne viel Emotion oder Hintergrund, damit ihre gesellschaftliche Pflicht für heute erledigt ist!

Wenn man diese erste Hürde vielleicht doch einigermaßen gemeistert hat und eine einfache aber wahre Antwort auf so eine Frage gegeben hat, beginnen aber erst die Schwierigkeiten.
Irgendwann kommen nämlich Fragen, aus denen man sich mit Freude rausgeredet hat - mit Hilfe von kleinen "Notlügen". Anfangen könnte das mit einer Frage wie "Wie findest du mein Hemd? Passt das zur Hose?" Was dann? Da kann man doch nicht sagen "Ehrlich gesagt siehst du aus wie ein verdammter Zwölfjähriger, also geh zurück nach Hause und such dir was anderes raus!" Das würde nicht nur verletzten, sondern auch unnötige Diskussion hervorbringen, wie "Letzte Woche fand´s du das doch noch gut! Was ist denn heute los mit dir?" Besonders der letzte Zusatz würde einen schwer schlucken lassen, denn die einzig wahre Antwort darauf wäre "Ich habe mir vorgenommen, heute mal nur die Wahrheit zu sagen." Spätestens nach dieser Aussage würde ein heftige Diskussion entbrennen. Was also machen? Am besten einfach lügen!

"Hallo, wie geht´s dir?" - "Gut!"
"Wie findest du mein Hemd? Passt das zur Hose?" - "Total!"

Lügen machen das Leben einfacher! Wer aber trotzdem ab und an mal die Wahrheit hören will, der sollte vielleicht seine Fragen überdenken. Anstatt zu fragen, wie es geht, fragt doch mal "Was hast du gestern noch gemacht?" So zeigt ihr ein wenig mehr Interesse am Leben eures Gegenübers und es fällt ihm oder ihr leichter einfach mal ehrlich zu sein.